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Schmerzen und unser Umgang damit

Je mehr ich mich mit dem Gehirn beschäftige, desto faszinierender wird für mich alles rund ums Thema Schmerzen. Gerade lese ich Tell Me Where It Hurts und jede Seite lässt mich tiefer verstehen, warum so viele Menschen leiden, ohne wirklich zu wissen warum.

Starten wir mit einer Zahl, die mich selbst sprachlos gemacht hat: Weltweit leben 1,8 Milliarden Menschen mit Schmerzen. In der Schweiz sind es 1,5 Millionen. In diesem kleinen Land. Vielleicht bist du eine davon.

Dabei sind das nicht immer chronische Schmerzen. Manchmal ist es ein gebrochener Finger, eine Schnittwunde, die heilen und vergehen. Aber dann gibt es die anderen: die Rückenschmerzen, die seit Jahren da sind. Die Knieschmerzen, die kommen und gehen. Kopfschmerzen und Migränen, die einfach nicht verschwinden. Chronische Schmerzen, also Schmerzen die länger als drei Monate anhalten, sind in der Zwischenzeit der häufigste Grund, warum Menschen zum Arzt gehen. Häufiger als wegen Krebs, Herzkreislauferkrankungen und Diabetes zusammen.

Lass dir das nochmal auf der Zunge zergehen.


Das eigentliche Problem: Wir haben nie gelernt, wie Schmerzen funktionieren

Und genau das ist das Kernproblem. Weder wir als Betroffene, noch die Gesundheitsdienstleistenden. Und das ist kein Vorwurf, sondern ein Fakt. Akute Schmerzen lassen sich oft gut behandeln, Medikamente helfen und sind manchmal auch wichtig. Aber wenn der Schmerz bleibt, obwohl es keinen offensichtlichen Grund mehr gibt, dann reicht ein Blick auf das einzelne Körperteil nicht mehr.

Genau das ist die Schwäche unseres Systems: Ein Knie wird als Knie angeschaut. Ein Beckenboden als Beckenboden. Der Körper wird in Einzelteile zerlegt, anstatt ihn als das zu behandeln, was er ist: ein Ganzes, inklusive Gehirn.


Mein eigenes Beispiel – gerade jetzt

Ich erlebe das gerade selbst, und ich teile es hier, weil es so illustrativ ist.

Ich hatte eine Überbeanspruchung der Bauchmuskeln mit einem Zug auf das Schambein. Die Bauchschmerzen sind weg. Was bleibt, ist ein Zug am Schambein und über den gesamten Beckenboden. Die letzten Wochen wurde es langsam besser. Wir haben München erwandert und ich hatte kaum Schmerzen.

Dann kam das Frühjahrsputz-Wochenende. Fenster putzen, Terrasse herrichten, viel Stehen, Strecken, Beugen (unsere Fenster sind grooooosss). Und dann, um mehr Platz zu schaffen, habe ich versucht mit dem Fuss den Sockel einer Lampe wegzuschieben.

Zagg. Der Schmerz war in voller Wucht zurück.

Zwischenstopp beim Physio. Befund: Hüftbeweglichkeit vorhanden, Beckenboden nicht verspannt, Gesässbereich unauffällig. Körperlich alles okay. Der Körper wird als Einzelpunkt angeschaut, das Gehirn bleibt aussen vor. Das Fazit, das ich unausgesprochen mitnehme: Eigentlich sollte da kein Schmerz sein.

Aber er ist da.

Auch der Beckenboden ist mit dem Gehirn verknüpft
Auch der Beckenboden ist mit dem Gehirn verknüpft

Schmerz ist kein Eingangs- sondern ein Ausgangssignal

Und das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse aus meiner Beschäftigung mit dem Gehirn.

Schmerz entsteht nicht einfach dort, wo es wehtut. Schmerz wird vom Gehirn produziert, als Signal. Mein Gehirn sagt mir gerade: Irgendetwas, das du machst, mag ich nicht. Das macht mir Angst. Pass auf.

Meine Aufgabe? Genau hinhören. Und das gebe ich offen zu: auch für mich ist das nicht das, was ich am liebsten höre. Ich würde auch lieber eine klare Anweisung bekommen. Mach dreimal die Woche diese Übung, in sechs Wochen ist es weg. Aber so funktioniert Schmerz eben nicht immer.

Was die Forschung dazu zeigt, ist eindeutig: Schmerzen entstehen auch im Teil des Gehirns, der für Emotionen zuständig ist. Schmerzen sind immer beides, körperlich und emotional. Das kennst du wahrscheinlich aus deinem eigenen Leben. Wenn du gestresst bist oder eine Aufgabe machst, die du nicht magst, spürst du den Schmerz viel stärker. Wenn du aber über den Markt läufst, frisches Gemüse kaufst und mit deiner Freundin noch schnell einen Kaffee trinkst, dann ist er plötzlich in den Hintergrund gerückt.

Die Ablenkung hat den Schmerz nicht weggemacht. Aber sie zeigt etwas Entscheidendes: Schmerz kann sich verändern. Er ist nicht fix. Er ist nicht unveränderbar. Und das ist, auch wenn es sich nicht so anfühlt, eine gute Nachricht.


Was bedeutet das für dich?

Wenn du mit chronischen Schmerzen lebst und das Gefühl hast, dass niemand wirklich versteht, was du hast, dann liegt das nicht daran, dass du dir etwas einbildest. Es liegt daran, dass Schmerz komplexer ist, als wir ihm bisher gerecht geworden sind.

Der erste Schritt ist Verständnis. Zu wissen, wie Schmerz funktioniert, verändert den Umgang damit, nicht sofort, aber nachhaltig. Und genau das ist es, woran ich arbeite: mit mir selbst, und mit den Menschen, die ich begleite.

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Schreib mir, ich freue mich auf den Austausch.


Herzlich,

Fabienne


 
 
 

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