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Neuronales Training: Was bedeutet das eigentlich?

Wer kennt es nicht: Die Wäsche wird schön in den Korb gestapelt, anschliessend angehoben – und zaggg. Der kleine aber feine Schmerz im Rücken oder vielleicht auch im Nacken. Die sogenannte falsche Bewegung, die plötzlich zu Schmerzen führt. Aber war es wirklich die Bewegung? Oder steckt da mehr dahinter?

Hier komme ich ins Spiel. Ich biete Bewegungsklassen und private Coachings an, die auf neuronalen Trainingsgrundsätzen beruhen. Aber was heisst neuronales Training? Neuronal heisst nichts anderes als hirnbasiert. Auch LYT Yoga, das ich schon seit mehreren Jahren praktiziere und unterrichte, hat einen neuronalen Background. So starten wir z.B. immer liegend und mit einer Stärkung der Rumpfmuskulatur. Dies einerseits, weil wir evolutionsbedingt als Baby auf dem Rücken beginnen und andererseits weil mit der Stärkung der Rumpfmuskulatur ein schnelles Aufwärmen von Innen garantiert wird. Erst nach und nach kommen wir auf alle Viere und stehen schliesslich auf, genau wie im richtigen Leben. Und das macht LYT Yoga so besonders. Hinzu kommt, dass es eine Yogaform ist, die auf einem funktionalen Trainingsansatz beruht, so ausgelegt, wie wir uns auch tatsächlich im Leben bewegen sollen. Weg von vielen Vorbeugen, die zu stark an den hinteren Oberschenkelmuskeln ziehen, weg von zu vielen sitzenden Positionen, da wir dies schon den ganzen Tag über im Büro machen. Wir nehmen das Leben auf die Matte und dann auch die Bewegung der Matte wieder ins Leben. Mit dem Neuroansatz nehmen wir einfach noch das Gehirn mit auf den Weg und zeigen ihm mit verschiedenen Übungen, dass es sicher ist.


Das Gehirn als CEO

Unser Gehirn ist die Schaltzentrale, die oberste Instanz. Es steuert unbewusste Abläufe wie Herzschlag, Atmung und Verdauung, aber auch bewusste: Gemüse schneiden, Haare föhnen, die Treppe steigen. Es arbeitet konstant, auch wenn wir schlafen.

Und es hat eine Hauptaufgabe: uns schützen. Schmerzen, Verspannungen oder Bewegungseinschränkungen sind oft kein Defekt, sondern ein Signal. Das Gehirn sagt: Hier stimmt etwas nicht, pass auf. Ich habe darüber in meinem letzten Blogpost ausführlicher geschrieben, wenn dich das Thema interessiert, lies gerne dort nach. Was für unseren Trainingsansatz wichtig ist: Wir wollen dem Gehirn über die Sinne zeigen, dass es sicher ist. Und genau da kommen die Inputs ins Spiel.


Die Sinne als Eingang ins Gehirn

Das Gehirn nimmt die Welt über unsere Sinne wahr. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Gleichgewicht – all diese Kanäle liefern dem Gehirn konstant Informationen. Je besser und klarer diese Informationen sind, desto sicherer fühlt sich das Gehirn. Und ein sicheres Gehirn lässt uns freier bewegen.

In meinen Klassen gehe ich diese Sinne gezielt durch und schaue, was dem Gehirn guttut. Und hier möchte ich dir ein Beispiel zeigen, das viele überrascht: die Augen.


Die Augen – viel mehr als nur Sehen

Wenn ich in einer Klasse Augenübungen einbaue, höre ich manchmal ein leises Schmunzeln. Augen? In einer Bewegungsklasse?

Dabei ist das visuelle System eines unserer wichtigsten Sinnesorgane überhaupt. Du konntest das vielleicht schon selbst feststellen: Schliesse die Augen und versuche, dich nur auf die anderen Sinne zu verlassen. Es ist schwierig und fordert grosse Konzentration. Wir verlassen uns ständig auf die Augen, beim Fahrradfahren, beim Essen (iih, was ist das auf meinem Teller?), beim Gehen durch eine fremde Stadt.

Die Augen warnen uns auch am schnellsten vor Gefahren. Der Blitz am Himmel, das Auto, das plötzlich von links kommt, die Biene im Gras. Und wenn dir beim Fahrradfahren eine klitzekleine Fliege ins Auge fliegt, bist du für einen Moment quasi blind. Je nachdem musst du sofort anhalten, weil es so fest wehtut und weil Weiterfahren gefährlich wäre. Das ist kein Zufall, sondern Schutz. Das Gehirn zieht sofort die Notbremse.


Wo sitzen die Augen im Gehirn?

Die visuelle Verarbeitung findet im Grosshirn statt, genauer im Okzipitallappen ganz hinten. Ein Grossteil der Gehirnkapazität ist diesem Bereich gewidmet, deutlich mehr als jedem anderen Sinn. So dominant ist das visuelle System, dass es sogar beeinflusst, was wir zu hören glauben. Wer einmal den McGurk-Effekt erlebt hat (findest du ganz einfach auf YouTube), weiss, wie verblüffend das ist.


Sehen beeinflusst, ob wir Schmerzen empfinden

Das klingt vielleicht überraschend, ist aber gut belegt. Zwei Beispiele, die das sehr anschaulich zeigen:

Das erste ist die Spiegeltherapie bei Phantomschmerzen. Menschen, die ein Bein oder einen Arm verloren haben, leiden manchmal an Schmerzen genau dort, wo das Glied nicht mehr ist. Das Gehirn bekommt keine Informationen mehr und reagiert mit einem Schmerzsignal. Mit einem Spiegel wird die Bewegung des gesunden Beins so gespiegelt, dass es aussieht, als würde das verlorene Bein sich bewegen. Das Ergebnis: Die Schmerzen nehmen ab, allein durch eine visuelle Information. Das Gehirn wird beruhigt, weil es «sieht», dass alles in Ordnung ist.

Das zweite Beispiel kennst du wahrscheinlich aus dem eigenen Leben: der Schmerz, den wir fast physisch mitfühlen, wenn wir jemanden beobachten, der sich verletzt. Rein durch den visuellen Input kannst du dir vorstellen, wie sehr es wehtut. Auch das ist eine Reaktion des Gehirns auf das, was die Augen liefern.


Die Augen sind nur der Eingang

Die Augen selbst sehen nicht. Sie sind der Eingang, sie empfangen Licht. Die eigentliche Verarbeitung passiert im Gehirn. Und weil das so ist, ist Sehen plastisch. Es kann trainiert werden, unabhängig davon, ob du eine Brille trägst oder nicht.


Augenmuskel = Muskel wie jeder andere

Die Muskeln, die unsere Augen bewegen, funktionieren genau wie jeder andere Muskel im Körper. Wir benutzen sie wenig, sie werden schwächer. Wir trainieren sie gezielt, sie werden stärker. Auf Englisch gibt es den Satz «use it or lose it», der hier ganz besonders gilt. Die Augenmuskeln können isometrisch gehalten werden oder sich schnell oder langsam in verschiedene Richtungen bewegen.

Und jetzt kommt das Spannende: Wohin die Augen gehen, folgt der Körper. Das ist kein Zufall, sondern Neurologie. Sie sind zum grossen Teil auch verantwortlich für unsere Haltung. Wenn wir die Augen nach oben richten, erhöht sich der Tonus in den Streckmuskeln, der Rücken richtet sich auf, die Hüfte öffnet sich leichter. Schauen wir nach unten oder fokussieren etwas ganz Nahes, steigt der Tonus in den Beugemuskeln. Das Gehirn und die Augen sind so miteinander verdrahtet, dass die Blickrichtung direkt beeinflusst, wie sich der restliche Körper aktiviert.

Das erklärt auch, warum ich in Bewegungsklassen manchmal sage: «Schau nach oben» – nicht als Korrektur der Haltung, sondern weil die Augen dem Körper einen direkten neuralen Impuls geben.


Neuronales Training durch Blickstabilisierung: Können deine Augen einfach stillhalten?

Eine der grundlegendsten Augenübungen, die ich einsetze, heisst Blickstabilisierung, also das bewusste Fixieren eines Punktes mit den Augen. Klingt simpel. Ist es aber nicht immer.

Stell dir vor, du schaust auf einen Punkt an der Wand und hältst die Augen ganz ruhig, fünf oder auch 30 Sekunden lang. Kein Wandern, kein Zucken (normales Blinzeln ist erlaubt). Für das Gehirn ist das eine starke Anforderung: Es muss aktiv hemmen, diesen natürlichen Impuls, immer wieder zu schauen, ob irgendwo Gefahr lauert.

Was mich jedes Mal fasziniert: Nicht jede Richtung fühlt sich gleich gut an. Wir testen neun Positionen, links, Mitte, rechts auf Augenhöhe, dieselben drei nach oben und nach unten. Vor jeder neuen Fixierung wird eine Bewegung getestet und danach wieder überprüft. Nur dort, wo sich das Gehirn sicher fühlt, wirkt sich die Fixierung positiv auf die Bewegung aus.

Und das Schöne daran: Das Ergebnis zeigt sich sofort. Nicht in drei Wochen, sondern direkt. Positiv, negativ oder neutral, du weisst es nach wenigen Sekunden. Wenn wir eine Position gefunden haben, in der die Augen ruhig bleiben, bauen wir diese direkt in die Bewegung ein, beim Gleichgewichtsüben auf einem Bein, beim Bücken (zurück zum Wäschekorb 😄) oder beim Krafttraining.


So sieht es in der Praxis aus

Wir bewegen uns in den Klassen grundsätzlich funktional, die Bewegungen sind aus dem Leben adaptiert. Ausfallschritte auf dem Knie (wie du dir die Schuhe bindest), Squats (raus aus dem Bett), Vorbeugen (der Wäschekorb), Streckungen über Kopf (der Teller aus dem Schrank).

Je nach Fokus der Klasse baue ich explizite hirnbasierte Übungen ein, maximal vier pro Klasse, mehr ist zu viel für das Gehirn. Augenübungen gehören dabei zu den Übungen, auf die viele gut reagieren. Manchmal ist es die Gaze Fixation, manchmal einem Objekt folgen oder schielen, manchmal das bewusste Weitsehen. In die Ferne schauen, den Blick weit werden lassen hat übrigens eine nachweislich beruhigende Wirkung auf das Nervensystem, der Gegenpol zum stundenlangen Starren auf den Bildschirm direkt vor uns.

Und es gilt wie immer: Was bei der einen Person sofort wirkt, muss bei der anderen erst ausprobiert werden. Das Gehirn ist so individuell wie wir Menschen. Viel testen, viel spüren, das ist der Weg.

Neuronale Inputs für besseres Gleichgewicht
Neuronale Inputs für ein besseres Gleichgewicht

Mein Fazit – und eine Einladung

Ich hoffe, ich konnte dich für diesen Ansatz begeistern. Gerade wenn du das Gefühl hast, du machst doch alles «richtig» und es tut trotzdem noch weh oder fühlt sich steif an, dann lohnt es sich, mal auf die Sinne zu schauen. Auf die Augen oder auch die Ohren.

Wenn dich das Thema interessiert: Ich habe dir eine Klasse zum Thema Rückenschmerzen freigeschaltet.

Und noch einmal das Wichtigste: Einmal isoliert zu üben hilft allenfalls nicht. Lieber täglich wenig als alle zwei Wochen ein grosser Block.


Herzlich, Fabienne

 
 
 

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